Inklusion am Arbeitsplatz
Morgens muss die Kasse vorbereitet werden. In der Küche beginnt die Arbeit für den Tag. Draußen kontrolliert die Haustechnik die Anlage, während im Büro E-Mails beantwortet, Veranstaltungen geplant und Gästeanfragen bearbeitet werden. Ein ganz normaler Arbeitstag in der Waldwelt Skywalk Allgäu.
Denn in dem Naturerlebnispark arbeiten Menschen mit und ohne Einschränkung ganz selbstverständlich zusammen. Mehr als 40 Prozent der Mitarbeitenden sind Menschen mit Behinderungen oder ihnen gleichgestellte Menschen. Sie wirken Hand in Hand mit dem Team überall dort, wo ihre Fähigkeiten gebraucht werden: in der Gastronomie und Haustechnik genauso wie an der Kasse, im Shop oder in der Verwaltung.
„Menschen mit und ohne Behinderungen sowie gleichgestellte Menschen arbeiten bei uns Seite an Seite. Wir haben keine extra Abteilung. Wir machen auch sonst keine Unterschiede“, sagt Alisa Schneider, Sprecherin des Parks.
Die Waldwelt Skywalk Allgäu ist seit ihrer Eröffnung vor 15 Jahren ein Integrationsbetrieb. Rund zwanzig festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen gemeinsam dafür, dass aus einem Ausflug in den Wald für die Gäste ein besonderer Tag wird. In der Sommersaison unterstützen zusätzliche Aushilfen das Team in den Park mit Baumwipfelpfad und über 70 Lieblingserlebnissen.
Dabei bedeutet Inklusion für die Waldwelt nicht, von jedem Menschen dasselbe zu erwarten. Im Gegenteil. Entscheidend ist, herauszufinden, was jemand besonders gut kann – und welche Rahmenbedingungen er oder sie braucht, um diese Fähigkeiten einzusetzen.
„Sobald du es schaffst, die Talente jedes einzelnen Mitarbeitenden zu finden, damit sie voll ausgelebt werden können, hast du es geschafft“, sagt Melanie Gratwohl, Betriebsleiterin des Naturerlebnisparks. Schwächen würden dann zur Nebensache.
Das kann in der Waldwelt ganz unterschiedlich aussehen. Während der eine Mitarbeiter technisch besonders geschickt ist, behält eine andere Kollegin auch dann den Überblick, wenn an der Kasse viel los ist. Andere sorgen in der Gastronomie für einen reibungslosen Ablauf oder kümmern sich darum, dass Wege, Anlagen und Erlebnisstationen gepflegt und sicher sind.
Menschen mit Behinderungen und gleichgestellte Beschäftigte gehören dabei nicht nur in einzelne, speziell für sie vorgesehene Tätigkeitsbereiche. Sie sind Teil des gesamten Betriebs.
Für Besucherinnen und Besucher ist oft gar nicht erkennbar, wer eine Behinderung hat und wer nicht. Und genau darin liegt für die Waldwelt ein Stück gelebter Inklusion: Sie muss nicht ständig erklärt werden, wenn sie im Alltag selbstverständlich geworden ist. Eigentlich widerspricht es dem Gedanken der Inklusion, überhaupt darüber zu sprechen. Für diesen Artikel macht der Betrieb eine Ausnahme.
Denn dass ausgerechnet ein Freizeitbetrieb diesen Weg geht, hat noch einen weiteren Effekt. Die Mitarbeitenden begegnen täglich ganz unterschiedlichen Menschen. Familien mit kleinen Kindern, Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Rollstuhl oder Rollator und Gästen mit den verschiedensten Bedürfnissen. Barrierefreiheit wird dadurch nicht nur für Besucher gedacht. Sie ist Teil der eigenen Arbeitswelt. Und damit eine Bereicherung.
Die Waldwelt selbst ist dafür ein passender Ort. Der Baumwipfelpfad ist über einen gläsernen Aufzug erreichbar, der Weg in luftiger Höhe kommt ohne Stufen und Schwellen aus und auch große Teile des übrigen Geländes sind barrierefrei zugänglich. Das Angebot wurde bereits mehrfach nach „Reisen für Alle“ zertifiziert.
Doch während solche sichtbaren Barrieren vergleichsweise leicht zu erkennen sind, gibt es im Berufsleben noch andere Hürden. Betriebsleiterin Melanie Gratwohl erlebt, dass Unternehmen teilweise davor zurückschrecken, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Ein Grund könne sein, dass eine Einarbeitung manchmal mehr Zeit benötigt. Dahinter steckten aber auch Berührungsängste und Unsicherheit.
Die Erfahrungen in der Waldwelt zeigen, dass sich ein anderer Blick lohnen kann. Nicht die Frage „Was kann dieser Mensch nicht?“ steht am Anfang, sondern: „Was kann dieser Mensch besonders gut?“ Das verlangt manchmal mehr Aufmerksamkeit und individuelle Lösungen. Gleichzeitig profitiert davon nicht nur der einzelne Beschäftigte. Ein Arbeitsplatz, der unterschiedliche Stärken und Bedürfnisse berücksichtigt, kann das gesamte Team verändern.
Für die Waldwelt gehört diese Haltung zum Auftrag des Unternehmens. Der anerkannte Integrationsbetrieb ist eine gemeinnützige GmbH unter dem Dach der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e. V. Schon seit vielen Jahren können Gäste der Waldwelt erleben, dass ein Baumwipfelpfad auch mit Rollstuhl oder Rollator erreichbar sein kann. Inklusion geht für das Team aber weiter.
Sie findet morgens in der Küche statt, an der Kasse, draußen im Wald, in der Haustechnik und im Büro. Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen arbeiten dort gemeinsam an demselben Ziel: den Gästen einen schönen Tag zu ermöglichen.
Vielleicht ist das sogar die unscheinbarste Form von Barrierefreiheit. Eine, für die es keinen Aufzug und keine Rampe braucht. Sondern vor allem die Bereitschaft, in jedem Menschen zuerst seine Stärken zu sehen.
Weitere barrierefreie Ausflugsziele und Destinationen in Bayern finden Sie hier.
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