Interviewpartnerin Ju von Wheelymum
Dieses Interview ist Teil der fortlaufenden Interviewreihe „Barrierefrei um die Welt“ des Urlaubsmagazins Barrierefrei Erleben. In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die mit ihrem Rollstuhl die Welt erkunden und fragen nach ihren individuellen Erlebnissen.
In diesem Gespräch beantwortet Ju von Wheelymum verschiedene Fragen rund um das Thema barrierefreies Reisen. Sie spricht über Erlebnisse, die ihr besonders positiv in Erinnerung geblieben sind als auch über Schwierigkeiten, die ihr auf ihren Reisen begegnet sind und wie sie mit diesen umgegangen ist.
Weitere Infos zu Ju und ihrem Leben als Mama im Rollstuhl mit chronischer Krankheit finden Sie auf ihrem Blog www.wheelymum.com.
Wer bist du?
Hallo, ich bin Ju, im Internet unterwegs als wheelymum. Ich bin eine Frau Anfang 40, Mama von 2 Jungs, chronisch krank, behindert und E-Rollstuhlnutzerin.
Mehr Informationen gibt es auf der Website www.wheelymum.com.
Barrierefrei um die Welt mit: Ju von Wheelymum
- 1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?
- 2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?
- 3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?
- 4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
- 5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?
- 6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?
- 7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?
- 8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?
- 9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? (Wo siehst du Verbesserungspotenzial?)
- 10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste?
- 11. Gibt es einen deutschen Weihnachtsmarkt, der barrierefrei zugänglich ist und dir besonders gut gefällt?
- Hast du weitere Anmerkungen/Wünsche/Empfehlungen zu barrierefreiem Reisen und Inklusion im Tourismus?
1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?
Das ist eine super schwere Frage, weil ich total gerne reise und mich immer wieder auf Neues einlassen will. Gleichzeitig ist es für mich, seit ich im Rollstuhl sitze und Kinder habe, auch oft schlichtweg komfortabel, Reiseziele öfters aufzusuchen. Weil ich dort nicht so viel Recherchieren muss, was möglich ist und sich so das Urlaubsgefühl schneller einstellt. Wenn ich mich aber doch entscheiden muss, dann würde ich sagen, dass war ein Urlaub in der Zugspitzarena in Tirol. Mein Herzensort und meine gefühlt zweite Heimat. Dort war ich unzählbar oft, als ich noch gesund war. Mit meiner Krankheit konnte ich lange nicht dorthin zurück. Es schmerzte zu sehr, zu sehen, was alles nicht mehr geht. Nach 3 Jahren bekam ich einen Anruf: „Ju, du glaubst es nicht. Wir bekommen eine rollstuhlgerechte Bergbahn.“ An diesem Tag habe ich meinen Urlaub gebucht für 2 Jahre später. Und dann war ich dort. 5 Jahre sind vergangen und ich konnte auf den Berg. Ich konnte mitwandern – wenn auch anders. Es war kein Gefühl von: Geht nicht mehr, sondern eins von – Ja, ich bin ein Teil davon.
2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?
Das hatte ich in Frage 1 bereits etwas angeschnitten. Ohne Barrierefreiheit ohne mich. Wobei das Thema natürlich sehr breit gefächert ist. Für mich ist es Rollstuhlzugänglichkeit, die ausschlaggebend ist. Bis auf wenige Ausnahme (z.B. Wellnesskurztrip) ist es aber vielschichtig. Ich brauche eine Unterkunft in der genügend Platz für den E-Rollstuhl ist und in der ich auch ins Bad und ins Bett kommen kann. Jetzt kann man schmunzeln und denken, das sollte doch gegeben sein – aus Erfahrung weiß ich, dass das leider nicht immer der Fall ist. Aber das alleine reicht mir nicht als Marker. Ich möchte auch in der Umgebung etwas erleben können: wandern, Ausflüge machen, die Infrastruktur mitnutzen können, vielleicht auch mal Essen gehen oder ähnliches. Wenn wir als Familie reisen, ist es natürlich auch wichtig, dass alle Bedürfnisse gesehen werden und diese zumindest abwechselnd berücksichtigt werden können. Das kann bedeuten, dass die Kinder mit mir wandern oder ins Museum gehen, welches für mich zugänglich ist und ich dafür später ihnen im Kletterpark zuschaue.
3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?
Im Idealfall ist es die Infrastruktur, die Übernachtungsmöglichkeiten und die Internetseiten des Reiseziels. Wenn ich hier vorher schon etwas über Barrierefreiheit lesen kann, es Auswahlkriterien gibt und ich so viele Infos wie möglich erhalte, dann ist das für mich! Genauso gut, wie eine Zertifizierung von Reisen für Alle. Gerade im Ausland gibt es diese nämlich nicht immer. Infos zu Wegbeschaffenheiten, Fahrstuhlgrößen und Türbreiten sind hilfreich. Auch ob ein Restaurant mit dem Rollstuhl zugänglich ist und ob es dort eine Behindertentoilette gibt oder nicht. Ich bin hier großzügig und kann gut damit umgehen, wenn es das nicht gibt, aber ich wüsste es einfach gerne vorher. Oder Piktogramme oder ähnliches. Was für mich nicht wirklich angenehm ist, wenn ich immer zuerst nachfragen muss, wenn extra für mich eine Rampe hingelegt wird oder es andere Hilfemaßnahmen gibt, die ich extra anfordern muss. Im Schwimmbad ist es super, wenn ich den Poollift alleine bedienen kann, oder mir am See oder Strand einen Rollstuhl ausleihen darf, mit dem ich dann selbstständig, oder mit Assistenz oder Partner ins Wasser kann, ohne auf fremde Personen angewiesen zu sein.
4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Eine ganz krasse Herausforderung war in einem neugebauten Hotel mit einem barrierefreien Zimmer. Es wurde an so viel gedacht. An ein wunderschönes, großes Bad, dass nicht an an Klinikbad erinnert hat, ein Lichtkonzept für hörgeschädigte Menschen, taktile Leitlinien im Zimmer für Menschen mit Sehbehinderungen, einen Balkon ohne Schwelle und ein ausziehbarer Kleiderschrank. Gefühlt wurde wirklich an alles gedacht. Außer an den Zugang zum Bett. Das Bett stand in einer Nische. Links und rechts, waren ca. 40 cm Platz um ins Bett zu gelangen. Man sollte eigentlich von vorne ins Bett einsteigen. Für mich als Rollstuhlfahrer überhaupt nicht machbar. Es ist niemandem aufgefallen bis ich da war und man dachte man hätte ein wirklich gutes Konzept. Es gab dann die Lösung, dass das Zimmer daneben noch frei war und ich dort schlafen konnte. Aber man merkt, es gibt immer wieder Dinge, die nicht mitgedacht werden. Schlimm fand ich auch einen Weg in den Bergen der als rollstuhltauglich mit Schiebehilfe ausgeschrieben war und es dann einfach nicht war. Schotter und extreme Steigungen machten das Gelände super rutschig und gefährlich. Hier bin ich dann immer froh, wenn wir wieder gut unten angekommen sind. Oder bei Städtereisen, die fehlende Anbindung an den ÖPNV. Nur jeder 3. Bus hatte Rollstuhlplätze usw.
5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?
Ich versuche im Vorfeld so viel zu planen wie möglich. Ich telefoniere, schreibe Mails, sammle meine Fragen, damit ich das Gefühl habe gut vorbereitet zu sein und eine Menge Ansprechpartner bzw. Ansprechpartnerinnen zu haben. Im Fall von oben beschrieben, habe ich natürlich mit dem Hoteldirektor gesprochen. Gemeinsam lassen sich dann meistens Lösungen finden. Doch das ist oft anstrengend und vor allen Dingen zeitaufwändig. Dies sind auch Punkte die mir im Reisen mit dem Rollstuhl oft fehlen – Leichtigkeit und Spontanität. Sich treiben lassen, schauen und spüren worauf man jetzt gerade Lust hat.
6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?
Die große Hilfsberietschaft vieler Menschen. Und immer wieder einmal das Gefühl von – Zusammen schaffen wir das. Als Mensch der gerne draußen ist, freut es mich auch sehr, dass immer mehr Wanderwege oder ähnliches mit dem Rollstuhl befahrbar sind. Und das es Gelände Rollstühle zum ausleihen gibt, um so noch besser Wege zu begehen. Oder, dass ich in Städten einfach jeden Bus nutzen kann, ohne mich vorher anmelden zu müssen und dann sogar noch ohne Anmeldung ein Museum besuchen kann.
7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?
Es gibt viele Orte, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Oft sind diese mit den Gegebenheiten vor Ort gekoppelt. Ich liebe Wolfsburg, weil es hier super barriefreie Hotels gibt, man Rollstuhltaxen auf Abruf zu sich bestellen kann und mit dem Phaeno, dem Outletcenter und Autowelt es immer jede Menge zu erleben gibt. Gleichzeitig schätze ich Füssen und Kempten sehr. In Kempten gibt es nach meiner Meinung das beste Inklusive Hotel und die Stadt ist einfach schön, dort gibt es viel zu erleben und zu entdecken, was mit dem Rollstuhl gut machbar ist. In Füssen waren wir erst letztes Jahr – hier ist es mit der Unterkunftsuche etwas schwieriger, aber es gibt viel zu erleben, von Kultur, zu Natur und Entspannung oder Action wie z.B. den Dragon Fly auf der Ehrenberg ganz in der Nähe.
8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?
Eine entscheidende Rolle. Wenn wir als Familie verreisen, muss es auch etwas für die Kids geben. Wenn ich mit Freunden verreise, können wir mehr rein auf meine Bedürfnisse achten (und auf gutes Essen).
9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? (Wo siehst du Verbesserungspotenzial?)
Ich wünsche mir eine bessere Zugänglichkeit zu Informationen. Oft gibt es diese nämlich bereits, aber sie sind wie Schnipsel verteilt und man sucht sich die Finger wund. z.B. ein eigener Reiter auf einer Internetseite zum Thema Barriefreiheit.
Was ist für sehbehinderte Menschen geeignet, was für Rollstuhlfahrer, welche Informationen gibt es in leichter Sprache usw. Es helfen Listen oder Tabellen mit Daten wie: Rollstuhlgerechte Toilette, Türbreite, Wegbeschaffenheit usw. Des weiteren wünsche ich mir, dass ich bei Anfragen Hilfestellungen bekomme und die Antwort nicht ist: rufen sie doch einfach bei dem Anbieter, Veranstalter (whatever) an und und fragen dort selbst gezielt nach. Denn gerade bei einer Reiseplanung evtl. noch mit Gästekarte oder ähnlichem sind die Angebote groß und vielfältig, aber oft nur zu einem Bruchteil für mich nutzbar.
Wenn es darum geht, in welche Region verreisen wir, ist das im Vorfeld nicht zu stemmen, alle Anbieter einzeln anzurufen oder anzuschreiben.
10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste?
Auf meiner Reisewunschliste sind das Orte wie: Rom, Andernach, Bremerhafen, Amsterdam, Wilder Kaiser,….
11. Gibt es einen deutschen Weihnachtsmarkt, der barrierefrei zugänglich ist und dir besonders gut gefällt?
Weihnachtsmärkte und ich haben ein angespanntes Verhältnis. Obwohl ich die Stimmung sehr mag, sind Kopfsteinpflaster, Kabelüberbrückungen und das dichte Gedränge nicht immer mein Fall. Dazu gibt es nur wenige Möglichkeiten auch am Tisch zu sitzen. Ich bevorzuge kleinere Weihnachtsmärkte, die nur Tageweise geöffnet haben. Die einzige Ausnahme ist der Weihnachtsmarkt in Stuttgart: Er hat breite Wege und ist großzügig aufgebaut. Nach einer Voranmeldung kann man auch eine barrierefreie Führung durch das Stadtmarketing über den Weihnachtsmarkt erhalten. Das finde ich toll.
Hast du weitere Anmerkungen/Wünsche/Empfehlungen zu barrierefreiem Reisen und Inklusion im Tourismus?
Ich wünsche mir, dass Angebote für Menschen mit Behinderungen mitgedacht werden. Von Anfang an und nicht aufwändig nachträglich hinzugefügt werden, denn das ist oft sehr aufwändig und teuer. Manchmal geht es nicht anders, ja. Aber gerade bei Neubauten oder neuen Angeboten soll ganzheitlich gedacht werden und gerne Betroffene als Experten mit einbezogen werden. Das ist ein Mehrwert für alle, denn hier steckt ganz viel Potenzial.
Interviewreihe "Barrierefrei um die Welt"
Alle zwei Monate sprechen wir mit Content Creator im Rollstuhl über ihre Erfahrungen und ihre Visionen für einen Urlaub ohne Barrieren.
Geführt wird das Interview von Julia Faupel, Redaktion Barrierefrei Erleben. Die Interviewreihe wird kontinuierlich erweitert.
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