23.02.2026 | Quelle: Julia Faupel

Interview mit Matthias Klei - Barrierefrei um die Welt - Nr. 1

Interview mit Matthias Klei - Barrierefrei um die Welt - Nr. 1
Matthias Klei fährt als Beifahrer mit dem Quad durch die Wüste von Marokko. | © Matthias Klei

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Interviewpartner Matthias Klei

Dieses Interview ist Teil der fortlaufenden Interviewreihe „Barrierefrei um die Welt“ des Urlaubsmagazins Barrierefrei Erleben. In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die mit ihrem Rollstuhl die Welt erkunden und fragen nach ihren individuellen Erlebnissen.

In diesem Gespräch beantwortet Matthias Klei verschiedene Fragen rund um das Thema barrierefreies Reisen. Er spricht über Erlebnisse, die ihm besonders positiv in Erinnerung geblieben sind als auch über Schwierigkeiten, die ihm auf seinen Reisen begegnet sind und wie er mit diesen umgegangen ist.

Weitere Infos zu Matthias und seinen Reisen finden Sie auf seinem Blog www.matthias-klei.de.

 

Wer bist du?

Ich heiße Matthias Klei, wurde 1970 geboren, bin seit meiner Geburt Rollstuhlfahrer und reise leidenschaftlich gerne. Meine Behinderung ist eine Tetraspastik und ich werde rund um die Uhr von Assistenzkräften begleitet. Seit gut 30 Jahren bin ich als gelernter Bürokaufmann in der Pflegebranche tätig. Seit kurzem darf ich meine Reiselust auch beruflich als Reisekoordinator für Menschen mit Behinderungen umsetzen.

Zukünftig sollen bei meiner Arbeit individuelle Reiseangebote entstehen, welche von mir persönlich getestet wurden. Ich reise schon seit fast 45 Jahren und war schon in 30 verschiedenen Ländern. Von Kanada über die USA, sämtliche skandinavische Länder, Zentraleuropa, Südafrika, Thailand, Bali und Philippinen war alles dabei. Ob Hotelurlaub, Wohnmobiltour, Fahrrad- und Elektrorollstuhltour oder Camping – ich bin dabei. Auch immer am Start sind 1-2 Assistenzen, die mich rund um die Uhr versorgen. Nähere Informationen kann man auf meiner Internetseite www.matthias-klei.de finden.

Matthias Klei - Rollstuhlfahrer und leidenschaftlicher Reisende - © Matthias Klei
Matthias Klei - Rollstuhlfahrer und leidenschaftlicher Reisende | © Matthias Klei

1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?

Die Frage ist für mich einfach nicht eindeutig zu beantworten. Die schönste Tierwelt habe ich auf meinem selbst organisierten Landrover-Trip von Südafrika über Namibia nach Botswana hautnah erlebt. Ich habe dort die Big Five gesehen und die meisten Tiere kamen bis auf 20 Meter an mich heran, das war schon sehr beeindruckend. Landschaftlich am eindrucksvollsten war für mich Kanada. Bei meinem dreiwöchigen Roadtrip habe ich auch die Rocky Mountains überquert. Gebucht habe ich die vorgegebene Tour inklusive Motels über ein Reisebüro.

Singapur, mit seinen imposanten Gebäuden und New York, die Stadt die nie schläft, waren für mich die tollsten Städtetrips. In Norditalien konnte ich mit einem Bi-Ski für Menschen mit Behinderungen Ski fahren. Meine Assistenten, gute Skifahrer, konnten den Ski bedienen und so machten wir die Pisten unsicher. Meine schönste Tauchreise war auf den Philippinen. Das ist richtig – Menschen mit Behinderungen können auch tauchen. Ich bin dabei allerdings eher passiv und zwei erfahrene Taucher mit spezieller Ausbildung für Menschen mit Behinderungen bedienen meine Tauchgeräte. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine vierwöchige Wohnmobiltour über Dänemark, Schweden und Norwegen bis hoch zu den Lofoten.

Da ich mit der Hilfe von Assistenzen wenige Schritte laufen kann, benötigte ich kein rollstuhlgerechtes Wohnmobil. Allerdings kommen in den letzten Jahren immer bessere Wohnmobile für Rollstuhlfahrer und -fahrerinnen auf den Markt, sodass auch Menschen, die gar nicht laufen können, so eine Tour machen könnten.

2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?

Überraschenderweise schaue ich nicht in erster Linie auf Barrierefreiheit. Das liegt daran, dass ich mit der Hilfe meiner Assistenzen, die gut von meinem Physiotherapeuten auf unvorhersehbare Situationen vorbereitet werden, ein paar Schritte laufen kann. In der Regel buche ich Hotels mit mindestens drei bis vier Sternen, da meine Erfahrung bislang bestätigt, dass ein Hotel dann umso besser für Menschen mit Behinderungen geeignet ist.

Auch dann darf man nicht davon ausgehen, dass dort alles barrierefrei ist. Für mich reicht es in der Regel jedoch vollkommen aus. Ins Ausland nehme ich zwei Assistenzen mit, die sich die Arbeit teilen. Ich schaue auch, wohin sie möchten und ob das zu meinen Reiseerwartungen passt. Wenn wir uns einigen, wird der Urlaub im Reisebüro gebucht.

3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?

Wenn ich ohne meine Assistenzen jedes Ziel im Urlaubsort erreichen könnte. Aber für mich ist das Wort „barrierefrei“ sehr dehnbar, denn jeder Mensch mit Behinderung braucht etwas anderes. Natürlich erleichtert Barrierefreiheit das Leben, für mich funktioniert dann alles einfacher. Aber ich glaube nicht daran, dass wir noch 100%ige Barrierefreiheit erleben, da es von so vielen Faktoren abhängt. Dabei würden nicht nur Menschen mit Behinderungen davon profitieren, sondern auch ältere Menschen, Familien, etc.

Auf Safari in Botswana. - © Matthias Klei
Auf Safari in Botswana. | © Matthias Klei

4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Herausforderungen gab es Dutzende. Ich war einmal mit einer Assistenz in Thailand auf Kho Samui. Aus gesundheitlichen Gründen musste meine Begleitung ein paar Tage zurück nach Bangkok fliegen. Wir überlegten, was in der Zwischenzeit mit mir geschehen sollte. Da wir schon drei Wochen da gewesen waren, kannten wir viele Einheimische und Touristen, die meine Versorgung übernahmen. Einmal pro Tag kam einer, der Deutsch sprach und alles regelte, wenn ich nicht ganz klarkam. Ansonsten kommunizierte ich alles mit Händen und Füßen und hatte echt eine gute Zeit. Ich würde sogar sagen, dass es zu den schönsten Erlebnissen in meinen Reiseerfahrungen zählt.

Eine andere brenzlige Situation erlebte ich erst vor kurzem. Ich kam von einer Städtetour zurück und erreichte den Bielefelder Hauptbahnhof um zwölf Uhr nachts mit einem Regionalexpress. Auf der Plattform musste ich feststellen, dass der Fahrstuhl außer Betrieb und kein Personal der Deutschen Bahn mehr im Bahnhof war. Kurzum: wir riefen die Polizei welche das Ganze an die Bahnpolizei weiterleitete, die kurz danach aufschlug. Relativ schnell wurde eine Lösung herbeigezaubert: ein Nahverkehrszug auf dem Weg ins Abstellgleis wurde zurückgerufen und sammelte uns ein. Wir fuhren aus dem Bahnhof raus, wechselten das Gleis und durften an einem anderen Bahnsteig wieder aussteigen. Ich fragte die sehr freundliche Polizistin, was sie gemacht hätten, wenn kein Lokführer mehr zur Verfügung gestanden hätte um unseren Zug zu führen. Sie antwortete: „Das wäre gar kein Thema gewesen, wir hätten einen Feuerwehreinsatz ausgelöst und die hätten Sie irgendwie die Treppe herunterbekommen“.

An dieser Stelle möchte ich, der ein- bis zweimal pro Monat inklusive Gepäck- und E-Rollstuhl durch ganz Deutschland fährt, nochmal was zu der Bahn sagen: auch wenn darauf immer geschimpft wird, habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch wenn mal nichts ging, hatten sie immer eine Lösung für mich parat. An dieser Stelle für viele Rollstuhlfahrer und -fahrerinnen ein Tipp: seid freundlich zum Personal, dann erreicht ihr in der Regel viel mehr.

5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?

Gelassenheit bewahren und in Ruhe schauen, wie ich Lösungen schaffe. Das hat für mich bislang immer sehr gut geklappt, denn es nützt nichts, sich aufzuregen und die Leute anzupampen

6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?

Ich bin ein großer Fan von Städtereisen. In Europa hat es mir die letzten zwei Jahre Wien sehr angetan, insbesondere der Nahverkehr. Dort habe ich in einer Woche keine einzige Barriere vorgefunden, alle Fahrstühle haben immer funktioniert und praktisch ist auch, dass sie in der Regel zwei zur Verfügung haben.

Matthias Klei definiert seine Grenzen selbst - ein Tauchgang auf den Philippinen lässt er sich nicht entgehen. - © Matthias Klei
Matthias Klei definiert seine Grenzen selbst - ein Tauchgang auf den Philippinen lässt er sich nicht entgehen. | © Matthias Klei

7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?

Cuxhaven, Duhnen und Döse sind bei mir sehr beliebt für einen Erholungsurlaub, man kommt dort bequem mit der Bahn hin. Der größte Vorteil für mich ist, dass man ca. 30 Kilometer auf einer richtig asphaltierten Straße am Meer entlangfahren kann. Dabei hat man Blick aufs Wasser, das meist 10-15 Meter entfernt ist. Die Infrastruktur drumherum ist schon sehr gut ausgebaut. Neuerdings gibt es Strandkörbe, in die Rollstuhlfahrer und -fahrerinnen reinfahren können. Zwei Strandrollstühle sind kostenlos ausleihbar und ermöglichen einen Ausflug ins Watt. Auch E-Rollstühle und Dreiräder können gemietet werden. Für mein Empfinden denken nach und nach immer mehr Ferienorte Barrierefreiheit mit und setzen diese um.

8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?

Assistenzen spielen bei mir eine elementare Rolle, denn ohne sie könnte ich nicht verreisen. Sie müssen natürlich charakterlich zu mir passen und genauso Spaß am Verreisen haben. Auch wenn es für sie ein Job ist, sind wir gleichberechtigt auf unseren Reisen. Falls ich einen längeren Auslandsurlaub plane, nehme ich die Assistent*innen ein- bis zweimal mit in einen Kurzurlaub, um zu schauen ob das passt. Danach müssen wir alle enthusiastisch „Ja“ sagen. Ich schalte bundesweit Anzeigen über das Internet, um nach Reiseassistenzen zu suchen (www.reiseassistenz.com). Sie werden für die Zeit angestellt und auch versichert.

9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? (Wo siehst du Verbesserungspotenzial?)

Die Wünsche von Menschen mit Behinderungen sollten noch stärker berücksichtigt werden, ohne dass es direkt 50% Aufschlag kostet. Ein großes Hindernis für mich ist, dass rollstuhlgerechte Hotelzimmer zu 80% keine getrennten Betten aufweisen. Dadurch muss ich immer zwei Einzelzimmer buchen und das verursacht unnötig Kosten. Mein Tipp: man kann zwei zusammengestellte Einzelbetten auch auseinanderstellen und später wieder zusammenschieben. Beim Bau neuer Ferienwohnungen sollte vermehrt darauf geachtet werden, welche Bedürfnisse von Rollstuhlfahrer*innen umgesetzt werden können. Es kostet in der Regel nicht erheblich mehr Geld, barrierearm zu bauen.

Mit dem Rollstuhl in den schneebedeckten Bergen. - © Matthias Klei
Mit dem Rollstuhl in den schneebedeckten Bergen. | © Matthias Klei

10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste? (Hast du bereits eine Reise in Planung?)

Australien und Südamerika würde ich gerne noch bereisen. Die Australien-Reise ist aktuell in fester Planung – mit einem Auto will ich sechs bis acht Wochen durch das Land fahren. Sobald ich die richtige Assistenz dafür habe, wird das umgesetzt. Aus diesem Grund gibt es seit kurzem die Seite reiseassistenz.com

11. Gibt es einen deutschen Weihnachtsmarkt, der barrierefrei zugänglich ist und dir besonders gut gefällt?

Wenn man in der Innenstadt in Hamburg unterwegs ist, kann man leicht drei verschiedene Weihnachtsmärkte erreichen. Der Weihnachtsmarkt am Rathaus in Hamburg ist besonders schön gestaltet und hat ein kleines Highlight: am Abend fliegt immer ein Weihnachtsmann über den Markt. Drumherum gibt es auch genügend barrierefreie Toiletten.

Interviewreihe "Barrierefrei um die Welt"

Alle zwei Monate sprechen wir mit Content Creator im Rollstuhl über ihre Erfahrungen und ihre Visionen für einen Urlaub ohne Barrieren.

Geführt wird das Interview von Julia Faupel, Redaktion Barrierefrei Erleben. Die Interviewreihe wird kontinuierlich erweitert.

👉 Weitere Interviews aus der Reihe „Barrierefrei um die Welt“ finden Sie hier:

  1. Matthias Klei (www.matthias-klei.de) - Februar
  2. Ju von Wheelymum (www.wheelymum.com) - April
  3. Walter Beutler (www.walbei.wordpress.com) - Juni
  4. Tyll-N. Reinisch (LinkedIn, YouTube, Instagram, TikTok; #BehindertNichtDenFußball) - August
  5. Hans-Jürgen rollt (Facebook) - Oktober
  6. Tim Eigenbrodt (www.freizeitpark-erlebnis.de) - Dezember