Interviewpartner Tyll Reinisch
Dieses Interview ist Teil der fortlaufenden Interviewreihe „Barrierefrei um die Welt“ des Urlaubsmagazins Barrierefrei Erleben. In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die mit ihrem Rollstuhl die Welt erkunden und fragen nach ihren individuellen Erlebnissen.
In diesem Gespräch beantwortet Tyll Reinisch verschiedene Fragen rund um das Thema barrierefreies Reisen. Er spricht über Erlebnisse, die ihm besonders positiv in Erinnerung geblieben sind als auch über Schwierigkeiten, die ihm auf seinen Reisen begegnet sind und wie er mit diesen umgegangen ist.
Weitere Infos zu Tyll Reinisch finden Sie auf seinem LinkedIn-Profil.
Wer bist du?
Mein Name ist Tyll Reinisch, ich bin 28 Jahre alt und mit einer körperlichen Behinderung geboren worden. Im Alltag nutze ich einen Rollstuhl für die Fortbewegung. Ich habe große Freude an der Entdeckung neuer Dinge und vor allem am Reisen. In meiner Arbeit berate ich (Sport-)Vereine und Firmen dabei, sich selbst inklusiv und barrierefrei auszurichten. Mein privates Projekt „BehindertNichtDenFußball“ führt mich aktuell quer durch die Republik. Ich will testen, wie barrierefrei alle Stadien der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga sind und bereite meine Berichte zeitgemäß für YouTube, TikTok, Instagram und LinkedIn auf.
- 1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?
- 2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?
- 3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?
- 4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
- 5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?
- 6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?
- 7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?
- 8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?
- 9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? Wo siehst du Verbesserungspotenzial?
- 10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste?
- 11. Gibt es einen deutschen Weihnachtsmarkt, der barrierefrei zugänglich ist und dir besonders gut gefällt?
1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?
Die schönsten Erlebnisse sind ja die, die man nicht planen kann. In meiner Studienzeit habe ich eine Reise durch Europa nur mit dem Fernbus gemacht: Reims, Paris, Brüssel, Amsterdam. Ich hatte kaum Geld, nur Zeit, habe in Hostels übernachtet, aber die besten Bekanntschaften gemacht, die ich je bei einer Reise machen durfte.
2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?
Ich halte mich gerne in Städten auf, weil diese einen Kontrast zu meinem Leben auf dem Land bieten, aber natürlich auch meistens barrierefreier sind, als Erlebnisurlaube oder Aufenthalte in der Natur.
Für mich spielt Barrierefreiheit vor allem bei der Anreise und bei der Übernachtung eine Rolle. Beides sollte barrierefrei sein. Den Rest plane ich selten im Voraus, sondern schaue, worauf ich vor Ort Lust habe, was Empfehlungen der lokalen Einwohner*innen sind oder eben, was überhaupt barrierefrei ist. Ist ein Museum, eine Ausstellung oder ein Erlebnis dann nicht barrierefrei, so ist das natürlich schade, aber in der Regel findet sich in der Stadt schnell Ersatz.
Meine Kriterien sind also momentan vor allem Städte, bei denen ich sicher sein kann, dass diese für mich zugänglich sind und von denen ich weiß, dass ich sie entweder selbstständig mit dem Auto, mit dem Flugzeug oder ggf. der Bahn erreichen kann.
3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?
Ein barrierefreies Reiseziel ist eines, bei dem ich mich willkommen fühlen kann. Ich fühle mich natürlich willkommen, wenn alles so ist, dass ich mit dem Rollstuhl dort hinein oder dorthin komme. Aber natürlich weiß ich auch, dass die baulichen Zustände, vor allem in älteren Städten, das nicht immer zulassen. Hier freue ich mich dann, wenn es Infos im Vorfeld gibt oder die Menschen vor Ort offen sind, zu unterstützen und diese Barrieren gemeinsam zu überwinden.
4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Ich habe das Privileg, noch einige Schritte gehen zu können. Letztes Jahr war ich mit einem Freund in Istanbul und wir haben extra ein Hotel gewählt, welches damit geworben hat, barrierefrei zu sein und eben solche Zimmer zu haben. Als wir dort ankamen, mussten wir jedoch sechs Stufen überwinden, um überhaupt ins Hotel hineinzukommen. Zum Glück haben alle sofort geholfen, den Rollstuhl dort hochzubekommen, aber wenn ich allein gewesen wäre oder gar nicht hätte aufstehen können, wäre diese falsche Information wirklich sehr nervig geworden.
5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?
Eine direkte und klare Ansprache und Frage nach Unterstützung sind für alle Seiten hilfreich. Natürlich wundern sich die Menschen, wenn ich vor einer Treppe stehe, manche haben gar keinen Sinn dafür, dass das vielleicht daran liegt, dass der Fahrstuhl defekt ist. Manche trauen sich auch nicht, Hilfe anzubieten, weil sie Angst haben, etwas „kaputt“ zu machen. Ich gehe in solchen Situationen auf die Leute zu und sage: „Entschuldigung, ich bräuchte kurz Hilfe, der Fahrstuhl ist defekt, ich muss nach dort oben kommen, können Sie hier bitte einmal mit anpacken, Sie können nichts kaputt machen“. Ich habe noch nie erlebt, dass Menschen darauf nicht positiv und unterstützend reagiert haben.
Natürlich aber versuche ich, solche Situationen, wann immer möglich, zu vermeiden, informiere mich sehr ausführlich über meine Route, wo und wie das Hotel gelegen ist und was ich zu den lokalen Bedingungen in Sachen Barrierefreiheit finden kann.
6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?
Ich habe im letzten Jahr eine Reise durch Spanien gemacht, bin nach Valencia geflogen, nach einiger Zeit von dort nach Madrid mit dem Zug gefahren und von dort aus nach ein paar Tagen weiter mit dem Fernbus nach Bilbao. Fernbusse sind in Spanien auf einem anderen Level was die Infrastruktur, die Busterminals und natürlich die Barrierefreiheit angeht. Hier war ich sehr überrascht. Ebenso bei der Bahn. Während man in Deutschland das nur über Umwege machen kann, kann man in Spanien, aus dem Ausland heraus, einen Rollstuhlfahrer-Platz + benötigte Assistenz kinderleicht und ohne großartige Umwege online buchen. Das war wirklich eine tolle Erfahrung und große Entlastung in meiner Reise, da ich das Gefühl hatte, größtmöglich autark zu sein.
7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?
In Spanien habe ich wirklich sehr positive Erfahrungen gemacht. Egal ob im Zug, im Fußballstadion oder am Strand. Hier gibt es sehr viele Möglichkeiten für eine barrierefreie Zeit und Menschen mit Behinderungen sind selbstverständlicher Teil des Stadtbildes.
8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?
Natürlich spielen diese eine Rolle, da es fast immer schöner ist, wenn man zusammen verreisen kann. Ich kann auch entspannter sein, wenn ich mit Leuten unterwegs bin, von denen ich weiß: Zur Not können die schon mit anpacken. Das schenkt eine große Sicherheit. Auf der anderen Seite will ich so autonom wie möglich sein und verreise auch gerne einmal allein.
9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? Wo siehst du Verbesserungspotenzial?
Wie gesagt sind es die Informationen im Vorfeld: Was ist möglich, was aber auch vielleicht (noch) nicht? Was kann ich erwarten? Wenn jemand mögliche Einschränkungen transparent macht, kann ich immer noch selbst entscheiden, ob ich mir das zutraue oder eben nicht. Wenn ich aber die Infos gar nicht habe, machen die Anbieter sich selbst und mir das Leben nur unnötig schwerer.
10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste?
Ich möchte irgendwann gerne einmal nach Japan – hiervon habe ich schon viel positives gehört, auch zur Barrierefreiheit. Außerdem plane ich aktuell eine Fußballreise in eine Kleinstadt nach Norwegen. Das wäre mein erster Flug mit Zwischenstopp. Ich hoffe, hier klappt alles und der Rollstuhl, den man immer zum Gepäck tun muss, geht nicht auf der Hälfte der Reise verloren...
11. Gibt es einen deutschen Weihnachtsmarkt, der barrierefrei zugänglich ist und dir besonders gut gefällt?
Ich war im letzten Jahr in Nürnberg und meine mich daran zu erinnern, dass es dort neben den bekannten Stehtischen an den Glühweinständen auch barrierefreie, also niedrigere, Tische gab, sodass ich diese nutzen konnte.
Für mich ist jeder Weihnachtsmarkt schon mal eine große Hilfe, der ohne diese komischen Holz-Hackschnitzel auskommt, die das Überqueren im Rollstuhl zur Hölle machen. Wenn man dann noch einen Glühwein oder ähnliches dabei hat, wird es praktisch unmöglich.
Interviewreihe "Barrierefrei um die Welt"
Alle zwei Monate sprechen wir mit Content Creator im Rollstuhl über ihre Erfahrungen und ihre Visionen für einen Urlaub ohne Barrieren.
Geführt wird das Interview von Julia Faupel, Redaktion Barrierefrei Erleben. Die Interviewreihe wird kontinuierlich erweitert.
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