21.10.2026 | Quelle: Julia Faupel

Interview mit Hans-Jürgen rollt - Barrierefrei um die Welt - Nr. 5

Interview mit Hans-Jürgen rollt - Barrierefrei um die Welt - Nr. 5
Auf dem Weg zum Hafen der Insel Wangerooge mit dem "Neuen Leuchtturm" im Hintergrund | © Hans-Jürgen Rohe

Tags: #Barrierefrei um die Welt #Interviewreihe #Rollstuhl #Urlaub mit Behinderung #Blog

Interviewpartner Hans-Jürgen rollt

Dieses Interview ist Teil der fortlaufenden Interviewreihe „Barrierefrei um die Welt“ des Urlaubsmagazins Barrierefrei Erleben. In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die mit ihrem Rollstuhl die Welt erkunden und fragen nach ihren individuellen Erlebnissen.

In diesem Gespräch beantwortet Content Creator Hans-Jürgen rollt verschiedene Fragen rund um das Thema barrierefreies Reisen. Er spricht über Erlebnisse, die ihm besonders positiv in Erinnerung geblieben sind als auch über Schwierigkeiten, die ihm auf seinen Reisen begegnet sind und wie er mit diesen umgegangen ist.

Weitere Infos zu Hans-Jürgen rollt finden Sie auf seinem Facebook-Profil.

Wer bist du?

Ich bin Hans-Jürgen Rohe, leidenschaftlich gern unterwegs, neugierig auf Regionen, Geschichten und Menschen – und ich reise als Rollstuhlfahrer, häufig unterstützt durch ein Zuggerät. Genau dadurch hat sich mein Blick auf das Reisen verändert: Ich erlebe Wege, Landschaften, Städte und touristische Angebote sehr bewusst. Nicht nur danach, ob sie schön sind, sondern auch danach, ob sie wirklich zugänglich, ehrlich beschrieben und entspannt erlebbar sind.

In meinen Reiseberichten nehme ich Menschen mit an Orte, die ich selbst erkundet habe – von Ostfriesland über das Wangerland, Norddeich, die Südliche Weinstraße bis hin zu Küstenorten, historischen Städten und besonderen Landschaften. Mir geht es dabei nicht nur um klassische Sehenswürdigkeiten, sondern auch um die Frage: Wie fühlt sich ein Ort an, wenn man ihn mit Rollstuhl, Zuggerät und einem wachen Blick für Barrierefreiheit erlebt?

1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?

Ein einzelnes schönstes Erlebnis zu nennen, ist gar nicht so leicht. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber meine Zeit an der Nordsee – vor allem in Norden-Norddeich und im Wangerland. Dort kamen für mich viele Dinge zusammen: Weite, frische Luft, das Watt, gute Wege, spannende Ausflugsziele und vor allem dieses Gefühl, wirklich unterwegs sein zu können.

Sehr besonders war auch eine mehrtägige Freizeit mit anderen Rollstuhlfahrern mit Zuggerät in Norden und Norddeich. Da ging es nicht nur ums Reisen, sondern auch um Gemeinschaft, Mut und das gemeinsame Erleben. Wenn man zusammen am Deich entlangfährt, das Meer im Blick hat, abends gemeinsam zusammensitzt und merkt, dass Barrierefreiheit nicht nur aus Rampen besteht, sondern auch aus Begegnung, Offenheit und gegenseitiger Unterstützung, dann bleibt das lange im Herzen.

2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?

Natürlich muss mich ein Reiseziel zuerst einmal ansprechen. Ich mag Orte mit Geschichte, Landschaft, Atmosphäre und besonderen Details. Eine schöne Altstadt, ein Hafen, ein Museum, ein Deichweg, Weinberge oder ein historischer Ort – das alles reizt mich.

Aber Barrierefreiheit spielt eine sehr große Rolle. Für mich reicht es nicht, wenn ein Ort einfach nur „schön“ ist. Ich möchte wissen: Komme ich dort überhaupt gut hin? Sind Wege befahrbar? Gibt es barrierefreie Toiletten? Sind Museen, Restaurants oder Fähren zugänglich? Gibt es Informationen, auf die ich mich verlassen kann?

Dabei ist Barrierefreiheit für mich kein Luxus, sondern die Grundlage dafür, dass ich eine Reise entspannt genießen kann. Ich bin gerne spontan unterwegs – aber eine gewisse Verlässlichkeit brauche ich trotzdem.

3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?

Ein barrierefreies Reiseziel beginnt für mich nicht erst bei der Rampe vor der Tür. Es beginnt bei ehrlicher Information. Ich möchte vorab wissen, was mich erwartet: Wie sind die Wege beschaffen? Gibt es Steigungen? Kopfsteinpflaster? Schotter? Sand? Engstellen? Funktionierende Aufzüge? Gute Toiletten?

Ein gutes barrierefreies Reiseziel denkt nicht nur an einzelne Gebäude, sondern an die gesamte Reisekette: Anreise, Unterkunft, Wege, Gastronomie, Sehenswürdigkeiten, ÖPNV und spontane Pausen. Besonders wichtig ist mir, dass Informationen nicht beschönigt werden. Ein „barrierearm“ kann ehrlich hilfreicher sein als ein leichtfertiges „barrierefrei“.

Und ganz wichtig: Barrierefreiheit muss in der Praxis funktionieren. Nicht nur auf dem Papier oder in einer Broschüre.

4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Herausforderungen gibt es immer wieder. Manchmal sind es steile Rampen, die offiziell vorhanden sind, aber kaum selbstständig nutzbar. Manchmal sind es Kopfsteinpflaster, hohe Bordsteine, zu schmale Türen, defekte Aufzüge oder Wege, die nach Regen plötzlich schwierig werden.

Besonders problematisch finde ich unklare oder falsche Informationen. Wenn irgendwo „rollstuhlgerecht“ steht, aber vor Ort dann mehrere Stufen, enge Toiletten oder unbefahrbare Wege warten, ist das ärgerlich. Nicht unbedingt, weil etwas nicht perfekt ist – sondern weil man sich nicht richtig darauf einstellen konnte.

Gerade als Rollstuhlfahrer plant man nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Wenn die Informationen nicht stimmen, kann aus einem schönen Ausflug schnell Stress werden.

Auf dem Vorplatz vom Technik-Museum Hugo Junkers in Dessau, im Hintergrund ist eine restaurierte "J 13" in klassischer Lufthansa-Lackierung - © Hans-Jürgen Rohe
Auf dem Vorplatz vom Technik-Museum Hugo Junkers in Dessau, im Hintergrund ist eine restaurierte "J 13" in klassischer Lufthansa-Lackierung | © Hans-Jürgen Rohe

5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?

Mein wichtigstes Hilfsmittel ist neben dem Rollstuhl tatsächlich mein Zuggerät. Es erweitert meinen Radius enorm. Damit werden längere Strecken, Deichwege, Radwege oder leichte Steigungen deutlich besser machbar.

Ansonsten plane ich sorgfältig, aber nicht starr. Ich recherchiere vorab, schaue mir Karten, Bilder und Erfahrungsberichte an und frage bei Bedarf direkt nach. Gerade Fotos sind oft ehrlicher als allgemeine Beschreibungen. Wenn ich sehe, wie ein Eingang, ein Weg oder eine Toilette wirklich aussieht, kann ich besser einschätzen, ob es für mich funktioniert.

Außerdem habe ich fast immer einen Plan B. Nicht jeder Weg funktioniert, nicht jedes Ziel ist erreichbar. Das gehört dazu. Entscheidend ist, flexibel zu bleiben und sich nicht den ganzen Tag verderben zu lassen, nur weil eine Station nicht funktioniert.

Mein Tipp: Lieber vorher einmal mehr nachfragen, statt vor Ort enttäuscht vor einer Stufe zu stehen.

6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?

Positive Überraschungen gab es zum Glück viele. Besonders schön finde ich Orte, an denen man merkt: Hier hat sich wirklich jemand Gedanken gemacht. Das können gut ausgebaute Wege am Wasser sein, zugängliche Museen, hilfsbereites Personal oder eine Gastronomie, die unkompliziert eine Lösung findet.

An der Nordsee habe ich immer wieder erlebt, dass Deichwege, Promenaden und Radwege sehr gut nutzbar sein können. Auch Museen wie das Waloseum in Norddeich oder das Ostfriesische Teemuseum haben gezeigt, dass Kultur und Barrierefreiheit gut zusammenpassen können, wenn man die Bedürfnisse verschiedener Gäste ernst nimmt.

Und manchmal ist die größte positive Überraschung nicht baulich, sondern menschlich: Menschen, die nicht lange diskutieren, sondern einfach helfen, mitdenken und willkommen heißen.

7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?

Ja, einige Orte haben bei mir einen besonders guten Eindruck hinterlassen.

Norden-Norddeich empfehle ich sehr gerne, weil dort Nordseeflair, Deich, Hafen, Museen und ostfriesische Geschichte schön zusammenkommen. Mit dem Zuggerät lassen sich viele Wege gut erleben, und es gibt viel zu entdecken – vom Waloseum bis zum Teemuseum oder einem Spaziergang beziehungsweise einer Fahrt entlang der Küste.

Das Wangerland mit Horumersiel, Schillig, Hooksiel und Carolinensiel ist ebenfalls sehr reizvoll. Besonders die Weite am Wattenmeer, die Deichlandschaft und die kleinen Orte haben ihren eigenen Charme. Natürlich muss man immer individuell prüfen, welche Wege aktuell gut befahrbar sind, aber landschaftlich ist diese Region für mich ein Geschenk.

Auch die Südliche Weinstraße hat mich überrascht. Weinberge, Winzerdörfer, Geschichte und schöne Radwege ergeben eine ganz andere Art von Reiseerlebnis. Mit Zuggerät kann man dort wunderbare Touren machen, wenn man die Strecken sorgfältig auswählt.

Meine Empfehlung lautet grundsätzlich: Nicht nur auf bekannte Hotspots schauen. Oft sind es gerade die etwas ruhigeren Orte, die besonders angenehm und authentisch sind.

8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?

Sie spielen eine wichtige Rolle, aber nicht im Sinne von: Ohne sie geht gar nichts. Mir ist Selbstständigkeit wichtig. Gleichzeitig weiß ich, dass Reisen gemeinsam oft schöner und manchmal auch einfacher ist.

Familie, Freunde oder Begleitpersonen geben Sicherheit, helfen bei kleinen Hürden und teilen die Erlebnisse. Gerade bei längeren Touren oder unbekannten Wegen ist es schön, jemanden dabeizuhaben, der mitdenkt, aber nicht bevormundet.

Am schönsten ist es, wenn Unterstützung selbstverständlich passiert – ohne großes Aufheben. Dann bleibt das Reisen nicht an der Behinderung hängen, sondern wird zu dem, was es sein soll: gemeinsame Zeit, schöne Eindrücke und gute Erinnerungen.

9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? Wo siehst du Verbesserungspotenzial?

Ich wünsche mir vor allem ehrliche, konkrete und geprüfte Informationen. Nicht nur ein Rollstuhlsymbol auf der Internetseite, sondern echte Details: Türbreiten, Bodenbeläge, Steigungen, Toiletten, Parkplätze, ÖPNV-Anbindung, Fotos und Hinweise zu möglichen Einschränkungen.

Außerdem sollten Menschen mit Behinderung stärker in die Entwicklung touristischer Angebote eingebunden werden. Barrierefreiheit lässt sich nicht allein am Schreibtisch planen. Man muss Wege testen, Museen ausprobieren, Hotels anschauen und Rückmeldungen ernst nehmen.

Wichtig wäre auch mehr Bewusstsein in der Gastronomie und Hotellerie. Ein freundlicher Umgang, flexible Lösungen und geschultes Personal machen oft den Unterschied zwischen „irgendwie machbar“ und „wirklich willkommen“.

Mein Wunsch wäre: Barrierefreiheit nicht als Sonderthema behandeln, sondern als Qualitätsmerkmal für alle Gäste.

10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste?

Ganz oben stehen bei mir weiterhin Regionen, die Landschaft, Geschichte und gute Wege miteinander verbinden. Die Nord- und Ostsee werden mich sicher weiter begleiten, weil ich diese Weite und das maritime Gefühl sehr liebe.

Aber auch Regionen wie Kärnten, der Wörthersee, die Alpenlandschaft oder weitere Touren durch Weinregionen reizen mich sehr. Mich interessieren Orte, an denen man nicht nur konsumiert, sondern wirklich erlebt: Natur, Geschichte, Menschen, regionale Besonderheiten und kleine Entdeckungen am Wegesrand.

Ich habe immer Ideen im Kopf. Manche Reisen entstehen aus konkreter Planung, andere aus einem Bild, einem Gespräch oder einem Ort, der plötzlich neugierig macht.

Mit dem Zuggerät durch den üppigen Bewuchs der Salzwiesen in der Nähe der Strandpromenade von Norddeich in Ostfriesland - © Hans-Jürgen Rohe
Mit dem Zuggerät durch den üppigen Bewuchs der Salzwiesen in der Nähe der Strandpromenade von Norddeich in Ostfriesland | © Hans-Jürgen Rohe

11. Gibt es einen deutschen Weihnachtsmarkt, der barrierefrei zugänglich ist und dir besonders gut gefällt?

Ich würde hier vorsichtig antworten, weil Weihnachtsmärkte jedes Jahr anders aufgebaut sein können. Was in einem Jahr gut funktioniert, kann im nächsten Jahr durch Buden, Kabelbrücken, Menschenmengen oder Baustellen wieder schwieriger sein.

Sehr schöne winterliche Eindrücke habe ich in Kiel gesammelt – mit festlicher Beleuchtung, Innenstadt, Rathausumfeld und der besonderen Atmosphäre an der Förde. Für Rollstuhlfahrer ist aber wichtig, den Besuch gut zu planen: möglichst nicht zu Stoßzeiten, vorher nach barrierefreien Toiletten schauen und prüfen, wie die Wege aktuell aufgebaut sind.

Grundsätzlich gilt für Weihnachtsmärkte: Ein ebener Untergrund, breite Gänge, gute ÖPNV-Anbindung, erreichbare Toiletten und Rückzugsbereiche sind entscheidend. Ein Weihnachtsmarkt kann noch so schön sein – wenn man sich nur durch enge Menschenmassen kämpfen muss, verliert er schnell seinen Zauber.

Weitere Anmerkungen zu barrierefreiem Reisen und Inklusion im Tourismus

Barrierefreies Reisen bedeutet für mich nicht, dass alles perfekt sein muss. Perfektion ist selten. Aber es braucht Ehrlichkeit, Respekt und den Willen, Dinge besser zu machen.

Ich wünsche mir einen Tourismus, der Menschen mit Behinderung nicht als Ausnahme betrachtet. Wir wollen reisen, entdecken, genießen, essen gehen, Museen besuchen, Sonnenuntergänge erleben und auch mal spontan sein – genau wie andere auch.

Barrierefreiheit ist dabei kein Randthema. Sie betrifft Familien mit Kinderwagen, ältere Menschen, Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen, Reisende mit Gepäck und viele mehr. Was für Rollstuhlfahrer gut geplant ist, macht das Reisen oft für alle angenehmer.

Meine Erfahrung ist: Wenn Barrierefreiheit, Gastfreundschaft und ehrliche Informationen zusammenkommen, entstehen Reiseerlebnisse, die lange nachwirken. Und genau darüber schreibe ich in meinen Beiträgen – nicht theoretisch, sondern aus eigener Erfahrung, mit allen schönen Momenten, kleinen Hürden und besonderen Begegnungen unterwegs.

„Ich reise nicht, um Barrieren zu suchen – aber wenn sie da sind, sehe ich sie. Und wenn ein Ort es schafft, mich nicht über die Hindernisse, sondern über seine Schönheit sprechen zu lassen, dann hat er vieles richtig gemacht.“ - Hans-Jürgen rollt

Interviewreihe "Barrierefrei um die Welt"

Alle zwei Monate sprechen wir mit Content Creator im Rollstuhl über ihre Erfahrungen und ihre Visionen für einen Urlaub ohne Barrieren.

Geführt wird das Interview von Julia Faupel, Redaktion Barrierefrei Erleben. Die Interviewreihe wird kontinuierlich erweitert.

👉 Weitere Interviews aus der Reihe „Barrierefrei um die Welt“ finden Sie hier.

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