Interviewpartner Walter Beutler
Dieses Interview ist Teil der fortlaufenden Interviewreihe „Barrierefrei um die Welt“ des Urlaubsmagazins Barrierefrei Erleben. In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die mit ihrem Rollstuhl die Welt erkunden und fragen nach ihren individuellen Erlebnissen.
In diesem Gespräch beantwortet Walter Beutler verschiedene Fragen rund um das Thema barrierefreies Reisen. Er spricht über Erlebnisse, die ihm besonders positiv in Erinnerung geblieben sind als auch über Schwierigkeiten, die ihm auf seinen Reisen begegnet sind und wie er mit diesen umgegangen ist.
Weitere Infos zu Walter Beutler finden Sie auf seinem Blog - dort ist auch sein Buch zu seiner 3-monatigen Indien-Reise erhältlich.
Wer bist du?
Mein Name ist Walter Beutler. Seit früher Kindheit bin ich wegen einer Ansteckung mit Poliomyelitis auf einen Rollstuhl angewiesen. Ich liebe das Unterwegssein. Entsprechend viel bin ich auf Reisen gewesen. An die unmöglichsten Orte auf der Suche nach Abenteuer und Horizonterweiterung. Inzwischen bin ich älter geworden – und ruhiger. Noch immer zehre ich von meinen Reiseerfahrungen.
- 1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?
- 2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?
- 3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?
- 4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
- 5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?
- 6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?
- 7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?
- 8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?
- 9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? (Wo siehst du Verbesserungspotenzial?)
- 10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste?
1. Was war dein bisher schönster Urlaub – und warum?
Meine bewegendsten Reiseerfahrungen sind zweifellos jene in Indien. Das Leben dort ist so viel anders als das, was wir hier kennen. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich wäre auf einem anderen Planeten. Hinzu kommt, dass ich die feuchte Wärme in den Subtropen liebe – sofern beide, Feuchte und Wärme, es nicht übertreiben. Was mich aber als Mensch mit Behinderung besonders beflügelt hat: Mit etwas Mut und wenn man sich gut organisiert, ist selbst eine Indienreise möglich, mehr noch: eine überwältigende und stärkende Erfahrung.
2. Nach welchen Kriterien wählst du deine Reiseziele aus? Welche Rolle spielt Barrierefreiheit dabei?
An oberster Stelle steht: Was möchte ich sehen und erleben? Welches Land, welche Stadt, welche Gegend interessieren mich? Danach stellt sich mir die Frage: Wie und wo finde ich an diesem Ort einigermaßen barrierefreie Strukturen. Das «einigermaßen» reicht mir meist, denn nicht selten lässt sich eine Barrierefreiheit mit einfachen Mitteln erreichen, mit ein paar Brettern zum Beispiel, um eine Rampe zu zimmern. Gerade in den Ländern, die mich hauptsächlich interessieren, sind die Einheimischen erprobt im Improvisieren.
3. Was macht für dich ein wirklich barrierefreies Reiseziel aus?
Meine Grundbedürfnisse – Schlafen, Essen, Toilette und Duschen – müssen barrierefrei, also ohne fremde Hilfe gestillt werden können. Der Rest ist Abenteuer – und manchmal halt auch Verzicht. Das gehört für mich dazu. Makellos barrierefrei ist – im besten Fall – das Heim für Menschen mit Behinderung oder ein Zimmer in einem Hotel der gehobenen Klasse, das extra für Menschen mit Behinderung eingerichtet ist. Beides gehört nicht unbedingt zu meinen Reisezielen …
4. Welche Herausforderungen gab es auf deinen Reisen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Da gibt es viele. Zwei ganz unterschiedliche Beispiele: Gerade in Indien bin ich als Mensch mit europäischem Äußeren und erst noch im Rollstuhl in der Öffentlichkeit von besonderem Interesse. Im Guten wie im Schlechten … Damit muss man umgehen können. Und zweitens: Mit meinem Swiss-Trac, dem Rollstuhlzuggerät, das mir beim Reisen eine große Hilfe ist, ist es ein Leichtes, mit dem Flugzeug etwa von Frankfurt nach Chennai zu gelangen. Doch bei der Rückreise war es immer eine große Herausforderung, die südindischen Sicherheitsbeamten auf dem Flughafen davon zu überzeugen, dass der Swiss-Trac kein Sicherheitsproblem darstellt und sehr wohl mit ins Flugzeug kommt – kommen muss, denn ansonsten würde auch ich nicht einsteigen. Geklappt hat es immer.
5. Wie gehst du mit solchen Hürden um – hast du bestimmte Strategien, Tipps oder Hilfsmittel?
Sich gut zu organisieren, ist das A und O bei solchen Reisen. So habe ich zum Beispiel für den Swiss-Trac eine Bescheinigung des Herstellers in verschiedenen Sprachen, dass das Gerät problemlos im Flugzeug transportiert werden kann, weil es keine Nassbatterien enthält. Und wenn du gut organisiert bist und keinen Blödsinn machst, kannst du darauf vertrauen, dass dir die Menschen nichts Böses wollen, wo immer du bist. – Im Gegenteil!
6. Welche positiven Überraschungen gab es in Bezug auf Barrierefreiheit auf deinen Reisen?
In Indien sind überraschenderweise viele Duschen barrierefrei – wenn der Raum selbst zugänglich ist. Denn Duschkabinen sind kein indisches Kulturgut, und dafür fehlt oft das Geld. Ein Wasserhahn an der Wand oder eine Duschbrause sind das höchste der Gefühle. Du organisierst einen Plastikstuhl, den du nun wirklich überall finden kannst, und fertig ist die barrierefreie Dusche.
7. Kannst du bestimmte Orte besonders empfehlen – und wieso?
In der Nähe von Pondicherry in Südindien kann ich Auroville empfehlen. Das ist eine experimentelle Stadt, die 1968 von Menschen aus aller Welt gegründet worden ist. (Kein Ashram.) Dort gibt es viele Guest Houses in unterschiedlichen Preisklassen. Darunter solche, die einigermaßen barrierefrei sind. Kommt hinzu, dass die öffentliche Infrastruktur dieses Orts mit westlichen Standards vergleichbar ist. Und Südindien ist nicht ganz so taff wie der Norden Indiens. Auroville war für mich der Einstieg nach Indien und so etwas wie die Basisstation, gleichsam Indien für Anfänger.
8. Welche Rolle spielen Familie, Freunde oder Assistenzpersonen, wenn du verreist?
In jungen Jahren bin ich praktisch immer mit Freunden gereist. Oft spielten Barrieren deshalb kaum eine Rolle. Später funktionierte dieses Modell nicht mehr so richtig. Es konnte sogar belastend werden, wenn es sich im Lauf des Urlaubs erweist – fieserweise oft bald nach dessen Beginn –, dass die Chemie nicht mehr stimmt. Denn man ist aufeinander angewiesen – vor allem ich auf die Begleitung – und kann nicht ganz so einfach getrennte Wege gehen. Eine große Reise durch fast ganz Indien habe ich mit einer Assistenzperson gemacht. Das war ein Glückstreffer und hat Wunderbares ermöglicht. Entscheidend war, dass vor der Reise klare Abmachungen getroffen wurden: Worin besteht die Aufgabe der Assistenzperson? Was bekommt sie dafür? Dadurch entsteht ein professionelles Verhältnis.
9. Was würdest du dir von Tourismusdestinationen und touristischen Anbietern wünschen? (Wo siehst du Verbesserungspotenzial?)
Ich wünschte mir mehr Angebote für individuell Reisende mit Behinderung auf touristisch nicht ausgetretenen Pfaden.
10. Welche Orte stehen noch ganz oben auf deiner Reiseliste?
Ich habe mein Reisesoll erfüllt. Das Alter in Verbindung mit meiner Behinderung erschweren ein Reisen in der Art, wie ich es liebe. Doch das macht nichts. Ich habe jetzt die weite Welt in mir drinnen und zehre von den Erinnerungen.
Interviewreihe "Barrierefrei um die Welt"
Alle zwei Monate sprechen wir mit Content Creator im Rollstuhl über ihre Erfahrungen und ihre Visionen für einen Urlaub ohne Barrieren.
Geführt wird das Interview von Julia Faupel, Redaktion Barrierefrei Erleben. Die Interviewreihe wird kontinuierlich erweitert.
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